Der Alte Leipziger Bahnhof ist einer der zentralen Orte der nationalsozialistischen Verbrechen in Dresden. Von hier wurden am 21. Januar 1942 etwa 300 jüdische Menschen ins Ghetto Riga deportiert, viele von ihnen später ermordet. Über Jahrzehnte lag dieser Ort abseits der öffentlichen Wahrnehmung – räumlich wie politisch. Das Vergessen war bequem.
Dass sich das geändert hat, ist dem Engagement vieler Menschen zu verdanken sowie dem unermüdlichen Einsatz von Renate Aris, heute 90 Jahre alt, Holocaust-Überlebende und eine der letzten Zeitzeuginnen in Sachsen. Ihr Ziel ist klar: Der Alte Leipziger Bahnhof soll sichtbar ins Stadtbild zurückkehren – als Ort des Gedenkens, des Lernens und der Begegnung.
Seit 2022 hat sich daraus eine kontinuierliche zivilgesellschaftliche Struktur entwickelt: zunächst ein Förderkreis, seit November 2023 der gemeinnützige Verein „Gedenkort Alter Leipziger Bahnhof e.V.“. Die Gründung des Vereins steht für Kontinuität, Professionalität und eine langfristige Verantwortung für die inhaltliche und organisatorische Entwicklung des Ortes. Der Verein gewann 2024 die städtische Ausschreibung zur Erarbeitung eines Nutzungskonzepts.
Dieses Konzept liegt seit März 2025 öffentlich vor. Es wurde in einer städtischen Veranstaltung vorgestellt und diskutiert und bietet allen Interessierten Einblick in die geplanten Inhalte, Ziele und Entwicklungsschritte. Transparenz und Beteiligung waren von Beginn an zentrale Bestandteile des Prozesses. Fachlich fundiert zielt das Konzept ausdrücklich darauf, den Ort als Gedenkstätte mit bundesweiter Bedeutung zu etablieren – auch mit Blick auf eine spätere Beteiligung von Land und Bund.
Trotzdem steht das Projekt politisch auf der Stelle. Der Dresdner Stadtrat hatte für 2025 und 2026 jeweils 100.000 Euro für die Weiterarbeit am Konzept eingestellt. Die Mittel sind vorgesehen für die Fortführung der historischen Forschung, für die Entwicklung von Bildungsangeboten für Kinder und Jugendliche, für Ausstellungen sowie für die Pflege der Kontakte zu Nachfahren der betroffenen Menschen. Bis heute wurden diese Mittel nicht freigegeben. Für 2025 sind sie sogar verfallen.
Ausschlaggebend ist der Widerstand von CDU, FDP/Freie Bürger, AfD und Team Zastrow. Die Folge: Vertagungen, Blockaden, Stillstand. Begründet wird dies unter anderem mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen oder einem angeblich „zu großen“ Konzept.
Für die Umsetzung dieser Aufgaben gab es genau einen Antragsteller: den Verein „Gedenkort Alter Leipziger Bahnhof e.V.“. Er ist derzeit der einzige Akteur vor Ort, der kontinuierlich, fachlich fundiert und im Auftrag der Stadt an der Aufarbeitung und Entwicklung des Gedenkortes arbeitet. In diesem Licht wäre die Freigabe der beschlossenen Mittel eine sachliche und naheliegende Entscheidung.
Problematisch ist das nicht nur organisatorisch, sondern auch politisch. Hier geht es nicht um ein beliebiges Kulturprojekt, sondern um historische Verantwortung. Die wiederholte Verweigerung der Mittel sendet ein fatales Signal: dass die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen verhandelbar sei. Genau das darf nicht passieren. Der Alte Leipziger Bahnhof ist kein optionaler Erinnerungsort. Er ist notwendig.
Update (2.2.2026): Am 29. Januar 2026 hat der Stadtrat mit einer Mehrheit von 36 zu 35 Stimmen die Förderung der Weiterentwicklung des Konzeptes beschlossen. Dafür stimmten PVP-Fraktion, FDP/FB-Fraktion, BSW, SPD, Linke und Grüne sowie OB Dirk Hilbert. Bis zu 100.000 EUR sollen vorrangig für Forschung, Bildung und Vernetzung dienen. Bis Oktober 2026 soll ein Strategiepapier vorliegen, dass für die stufenweise Umsetzung des Vorhabens einen Fahrplan bereit stellt. Zugleich mahnt der Stadtrat eine klare und kooperative Bildungsstrategie und die Einbindung der bereits in Dresden existierenden Gedenkstätten an und knüpft daran die Auszahlung eines Teils der Fördermittel. Der vollständige Beschluss wird hier veröffentlicht, sobald er vorliegt.

