Sukkah. Mit der Sgraffito-Technik auf Ölpastellfarbe auf ein Schachbrett geritzt.
Photo: (c) Li Shir

Artist talk- Li Shir: The Sukkah & Levinas’ Ethics of Vulnerability After October 7

18 Aug

Artist Talk

The Sukkah & Levinas’ Ethics of Vulnerability After October 7: A Family Case

Vortrag & Diskussion von Li Shir in englischer Sprache.

Datum: 18. August 2026

Uhrzeit: 19:00 Uhr

Ort: Blaue Fabrik, Eisenbahnstr. 1, 01097 Dresden

Eintritt: frei | Anmeldung erforderlich

Der Vortrag spürt einer familiengeschichtlich verwurzelten Genealogie der Sukkah als einer fragilen Form jüdischer Architektur nach, die angesichts von Katastrophen für Verletzlichkeit und Überleben steht. Ausgehend von Emmanuel Levinas’ Überlegungen zur Sukkah als einer Struktur ethischer Offenheit und Verantwortung untersucht Li Shir deren Nachleben als Erinnerungsort und ethische Figur anhand ihrer Wandlungen innerhalb der eigenen Familiengeschichte.

Diese Erinnerungsgeschichte beginnt mit einer im Innenraum errichteten Sukkah mit aufklappbarem Dach im Elternhaus ihres Großvaters in Skarżysko-Kamienna. Die Sukkah in diesem polnischen Schtetl der 1930er-Jahre nahm in seiner Erinnerungsarbeit eine zentrale Stellung ein, weil seine Familie und sein Heimatort während des Sukkotfestes 1942 von den Nationalsozialisten vernichtet wurden.

Eine zweite Sukkah erscheint auf dem Titelblatt des Skarżyskoer Gedenkbuches als Sinnbild der Zerstörung. Damit greift sie zugleich die Funktion solcher Gedenkbücher auf, die als Grabsteine aus Papier dienen. Die dritte Sukkah, die 1946 in einem DP-Lager im besetzten Berlin fotografiert wurde, steht für einen persönlichen Triumph und eine säkulare Neuinszenierung der mystischen Rolle der Sukkah als Begegnungsort zwischen den Toten und den Lebenden.

Die vierte Ausformung, die sogenannte „Verkohlte Sukkah“, führt die affektiven Synchronizitäten des Sukkotfestes innerhalb der Familiengeschichte in Li Shirs eigenem künstlerischen Schaffen fort. Das Werk entstand nach dem 7. Oktober 2023, der auf Schemini Atzeret beziehungsweise Simchat Tora fiel. Es erinnert an die verlassenen Sukkahs, die während des Krieges stehen blieben. Dieses letzte Bild führt die Sukkah in die Gegenwart und wirft Fragen nach Zugehörigkeit und Verletzlichkeit sowie danach auf, welche ethischen Ansprüche die Vergangenheit an die Gegenwart stellt.

Die Referentin:

Li Shir ist Künstlerin und transdisziplinäre Wissenschaftlerin im Bereich der Erinnerungsforschung mit Schwerpunkt auf der englischen Renaissance. In ihrer Doktorarbeit Death in Sheep’s Clothing: Pastoral Poetics of Death from Arcadia to Auschwitz verfolgte sie die Wiederbelebung eines Topos, den Erwin Panofsky als „Grab in Arkadien“ bezeichnete, von der klassischen Dichtung über frühneuzeitliche Pastorale bis hin zu Darstellungen des Holocaust. Ihre aktuelle Forschung dokumentiert und analysiert die Erinnerungsarbeit ihres Großvaters Abraham Shayer (1923–1998), eines Holocaust-Überlebenden aus Skarżysko-Kamienna in Polen, anhand seiner unvollendeten Memoiren und der von ihm geschaffenen Holocaust-Artefakte. Derzeit unterrichtet sie englische Literatur am Beit Berl College in Israel.

ACHTUNG: Zur Teilnahme ist eine Anmeldung via Online-Formular nötig: https://alter-leipziger-bahnhof.net/anmeldung-juedische-realitaeten/


Gefördert durch:

Diese Maßnahme wird mitfinanziert aus Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushalts.