Jacky Klein

Jacky Klein ist Autorin und Verlegerin. Nach einem Geschichtsstudium an der Universität Oxford absolvierte sie einen Masterstudiengang am Courtauld Institute of Art der Univerity of London. Danach arbeitete sie in London als Kuratorin in der Tate Gallery, der Courtauld Gallery und der Hayward Gallery. Seit 2008 ist sie im Kunstbuchverlagswesen tätig und arbeitete mit Thames & Hudson, Tate Publishing und HENI Books. Sie verfasste mehrere Bücher über Kunst und Künstler*innen. Außerdem wirkte sie vor und hinter der Kamera an verschiedenen Fernsehsendungen mit, unter anderem für BBC und Bloomberg TV. Klein wuchs in London auf und lebte mit ihrer Familie zwischen 2023 und 2025 in Israel. Derzeit baut sie in London einen neuen Verlag auf, dessen Launch für Anfang 2027 geplant ist.

Jacky Klein: Notizen aus einem Sturm

„Sehen heißt auch Auswählen.“’
John Berger1

Ich hatte noch nie eine Schreibblockade, aber jetzt muss ich feststellen, dass es Dinge gibt – viele Dinge –, über die ich es nicht schaffe zu schreiben. Ich bin ausgebildete Kunsthistorikerin: Ich studiere Bilder, recherchiere Kunstwerke und dann zaubere ich mit Worten Geschichten herbei, mit deren Hilfe ich sie für andere zum Leben erwecke, sie reanimiere. Nun muss ich aber Bilder betäuben, auslöschen; Bilder, die ich zumeist auf meinem Handy gesehen habe, die mich in den letzten anderthalb Jahren gewissermaßen erstarren ließen. Standbilder aus Videos, die am 7. Oktober 2023 von Hamas-Kämpfern im Süden Israels aufgenommen wurden und die zeigen, wie Familien auf Küchenböden kauern, Straßen voller Blut und bis auf die Grundmauern niedergebrannte Häuser. Bilder der Straße, Kilometer um Kilometer, die vom Nova-Musikfestival in Re’im wegführt, übersät mit zerschossenen und ausgebrannten Autos. Eine Teenagerin, die von einem bewaffneten Terroristen an den Haaren aus dem Heck eines Jeeps gezogen wird, barfuß und mit lauter blauen Flecken, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, ihre graue Jogginghose im Bereich des Gesäßes stark blutverschmiert. Das verängstigte Gesicht einer der weiblichen Geiseln, die während einer der makabren „Freilassungszeremonien“ Anfang 2025 inmitten eines Pulks maskierter Bewaffneter hin- und her geschubst wird. Fotos von kleinen Kindern, die die Plakate ihrer vermissten Eltern küssen.

Diese Bilder sind wie schwarze Löcher: Sie haben mir Stunden, ganze Tage geraubt, mich in ihren dunklen Strudel gesogen und mich aus einer Vorwärtsbewegung, sei es eine Arbeitsfrist oder eine Erledigung im Haushalt, in einen Zustand von Verzweiflung und Stillstand versetzt. Ich dachte, aus der Distanz könnte ich darüber schreiben, doch die Worte verstecken sich noch immer, sind noch nicht bereit, ans Licht zu treten.

Was hier folgt, sind daher unvollständige Gedanken: Notizen, die an Bord eines Schiffes geschrieben wurden sowie Schnappschüsse, die dort, noch immer im Auge des Sturms, aufgenommen wurden. Seht ihnen ihre zerfledderte Beschaffenheit voller Wasserflecken nach. Die Kamera, die nicht mein natürliches Medium ist, ist in den vergangenen 18 Monaten zu einer Rettungsleine geworden, die mir eine Ersatzstimme in Bildern gibt. Sie hat mir geholfen, festzuhalten, wahrzunehmen, zu verarbeiten: Raum zu finden für das, was noch nicht gesagt werden kann.

Es ist zudem eine unvollständige, parteiische Darstellung, geprägt von einer israelisch-jüdischen Sichtweise – was vielleicht nicht überraschend ist, da ich Jüdin bin, in Großbritannien geboren wurde und relativ neu in Israel bin, diesem Land der vielschichtigen Geschichten und Identitäten. Ich weiß, dass dies nicht die Perspektive der israelischen Araber:innen oder der Palästinenser:innen ist. Die Darstellung reagiert zudem auf Erfahrungen aus Tel Aviv und Umgebung; sie handelt weder von den völlig anderen Realitäten in Israels Grenzgebieten im Süden und Norden, noch von den vom Krieg gezeichneten Landschaften von Gaza-Stadt oder Rafah. Es steht mir nicht zu, diese Bilder und Geschichten weiterzugeben – auch wenn wir unsere Augen und Ohren weit öffnen sollten, um sie aufzunehmen.

OKTOBER 2023

„…wir befinden uns wieder in einer Zeit, in der es dem Mittelalter Unrecht tut, sie als mittelalterlich zu bezeichnen“.
Howard Jacobson2

Alles beginnt mit einer kleinen, eindringlichen schwarzen Gestalt, die sich im Dunkeln auf der weiß gestrichenen Wand im Schlafzimmer meiner Tochter abzeichnet. Eine Kakerlake! Ich entdecke sie mitten in der Nacht, als ich nach meiner Tochter sehen will; ich erstarre, mir läuft ein Schauer über den Rücken. Es sind die ersten Tage im Oktober 2023.

Ich habe eine abgrundtiefe Abscheu vor diesen Kreaturen, die alles überleben können, sogar eine Enthauptung; die schon vor den Dinosauriern existierten und uns alle überleben werden. Ich schleiche mich an und fange sie, werfe sie triumphierend und angewidert in die Toilette. Ich besprühe die Wand mit Desinfektionsmittel, wasche mir aufgebracht die Hände und bleibe dann den Rest der Nacht in Danis Zimmer, auf der Lauer. Jedes Mal, wenn ich die Augen öffne, wandert mein Blick instinktiv zu derselben Stelle an der Wand. Die kleine, unheimliche Gestalt taucht immer wieder in meinen Träumen auf; eine Art Warnung, schwarz wie Ebenholz.


Auf meinem Handy habe ich nur zwei Fotos vom 7. Oktober 2023. Darauf sind wir vier zu sehen, wie wir in Bat Yam auf der Treppe sitzen, im Haus meiner Schwiegereltern, ganz in der Nähe des Luftschutzbunkers. Seit unserem Umzug nach Israel im Februar wohnen wir bei ihnen. Es ist 6:53 Uhr morgens. Yoni und ich halten jeweils eines unserer kleinen Kinder im Arm. Die Farben sind Braun, Cremefarben und Blassrosa, alles in ein kränkliches grünes Licht getaucht. Wir tragen unsere Pyjamas und haben verschlafene Augen. Was man nicht sieht: den Hund außerhalb des Bildausschnitts, winselnd und verängstigt. Es ist die zweite Sirene an diesem Morgen: Ihre ansteigende Tonhöhe hat uns zwanzig Minuten zuvor abrupt aus dem Halbschlaf gerissen. Es passiert offensichtlich etwas Ungewöhnliches, aber wir haben keine Ahnung, was sich gerade 50 Meilen südlich von hier abzuspielen beginnt.

Ich bitte Yoni, diese Fotos zu machen – von mir, wie ich meinen Arm fest um Danis Taille geschlungen habe, mit einem erzwungenen fröhlichen Gesichtsausdruck, und ein grinsendes Selfie von Yoni und Tal –, und zwar aus zwei Gründen: als Ablenkung, eine Art Spiel, um die Kinder (und mich selbst) zu beruhigen; und um diesen Moment festzuhalten, von dem ich spüre, dass er der Beginn von etwas Bedeutendem ist.

Im Laufe des Tages gibt es weitere azakot, weiteres Eilen nach unten in die größere Sicherheit des fensterlosen, innenliegenden Treppenhauses. Durch die Fenster hören wir sie auch aus den Nachbarstädten Holon und Rishon-Le-Zion; manchmal ist es schwer zu sagen, ob der Alarm dort oder hier ertönt. Die Atmosphäre ist angespannt, als hielte die Luft selbst den Atem an.


Die folgende Woche ist wahrscheinlich die schlimmste meines Lebens. Die Nachrichten rinnen in einem stetigen, immer düsterer werdenden Strom: die Zahlen der Toten und Verwundeten, die Geiselnahmen, die Tatsache – unglaublich nach zwei ganzen Tagen! –, dass an sieben Orten im Süden Israels immer noch Kämpfe toben und Hamas-Kämpfer weiterhin über die Grenze nach Israel eindringen. Es gibt Berichte über Cyberangriffe; Nachrichten in meinen WhatsApp-Gruppen aus dem Süden Tel Avivs und aus Jaffa über Freund:innen und Verwandte, die ums Leben gekommen sind oder vermisst werden. Die Massaker auf dem Nova-Musikfestival, im Kibbuz Be’eri, Nir Oz, Kfar Aza. Es ist unvorstellbar, entsetzlich. Uns wird gesagt, wir sollen zu Hause bleiben und den Schutzraum für drei Tage Aufenthalt vorbereiten: Essen, Wasser, Erste-Hilfe-Sets, Taschenlampen mit Batterien. Alles schließt oder, besser gesagt, öffnet nicht wieder (der lange Reigen religiöser Feiertage sollte eigentlich am 8. enden): Schulen, öffentliche Gebäude, Büros, nicht lebensnotwendige Geschäfte. Der Ausnahmezustand wird ausgerufen; ein neuer Krieg beginnt.

Die Notizen, die ich in diesen ersten Tagen hastig auf meinem Handy mache, zeugen von der Reizüberflutung und enthalten bizarre neue praktische Überlegungen:

  • Ständiges Dröhnen von Militärflugzeugen. Ich gehe zum Strand, sehe Kampfflugzeuge und Hubschrauber, die die Küste entlangfliegen, auf dem Weg nach Süden. Gaza ist so nah, dass wir die Bombardements hören können
  • Fenster… ist es im Falle eines Raketenangriffs sicherer, wenn die Jalousien bei offenem oder geschlossenem Fenster unten sind?
  • Neues Ritual vor dem Schlafengehen: Kinderspielzeug an den Rand der Gummimatte räumen, damit man schneller die Treppe hinunterrennen kann
  • Tempo beim Baden und Duschen – eine Körperstelle einseifen, abwaschen, eine Körperstelle einseifen, abwaschen. So schnell wie möglich – für den Fall eines Raketenangriffs
  • Geschmack im Mund – wie noch nie zuvor: Bitter? Sauer? Übel? Ich kann es nicht einordnen. Nicht ich, sondern in mir, von mir ausgehend. Geruch meines Schweißes – stark, stechend, ungewohnt
  • Die Nerven liegen blank – dieser Ausdruck macht zum ersten Mal Sinn. Angespannt, am Rande des Zusammenbruchs; ständiger Durchfall durch die Adrenalinschübe, Angst und Schlafmangel
  • Schock über die Nachrichten aus Großbritannien – nicht nur pro-palästinensische, sondern auch pro-Hamas-Demonstrationen, jüdische Schulen, die schließen mussten, muslimische Frauen, die vor unserer U-Bahn-Station Plakate von entführten Kindern herunterreißen, massiver Anstieg antisemitischer Hassverbrechen…
  • Ein Holocaust-artiges Gefühl. Tiefe, elementare Angst um das eigene Leben – weil wir jüdisch sind. Sorgfältig geplante Pogrome; Judenhass und Gewalt, wie ich es bisher nur in Geschichtsbüchern gelesen oder von meinen Großeltern gehört habe. Ein uralter Instinkt: Flucht

Ich kann am Telefon nicht frei mit Familienmitgliedern oder Freund:innen sprechen, aus Sorge, dass Tal mithören könnte. Die israelischen Nachrichten dröhnen ununterbrochen aus dem Fernseher im Erdgeschoss, Yonis Vater klebt vor dem Bildschirm; ausnahmsweise bin ich dankbar, dass sich das Hebräisch unseres Sohnes in unseren ersten Monaten hier so langsam entwickelt hat. Ich hingegen mache Fotos in diesen Tagen unmittelbar danach, in dem verzweifelten Versuch, bei Verstand zu bleiben. Hier sind die Kinder, wie sie gemeinsam auf dem Dach herumtollen; wie sie die Fische im Aquarium beobachten; wie sie in unserem Kleiderschrank Verstecken spielen. Tal lernt Fahrrad fahren; Dani freundet sich weiterhin mit den Katzen aus der Nachbarschaft an, die frei vor dem Haus herumstreunen. Ich schicke die Bilder an meine Familie, um zu sagen: Hier sind wir, ganz normal und beim Spielen! Wir leben! Die Nachrichten sind schrecklich, aber uns geht es gut. Vor allem aber mache ich diese Fotos, um mir selbst zu versichern, dass die Welt trotz aller gegenteiligen Anzeichen nicht auseinanderfällt. Die Fotos sind wie eine Hand, die sich mir entgegenstreckt, eine Boje, die mich über Wasser hält. Eine Achtsamkeitsübung, die mich dazu herausfordert, mich, wenn auch nur für einen kurzen Moment, auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.

Wann immer ich kann, wenn die Kinder mit Fernsehen beschäftigt sind, suche ich verzweifelt nach Flügen nach London.

Entfliehen

Nach einer Woche voller Panikattacken fliegen wir mit einem Rückholflug nach Großbritannien. Als das Flugzeug abhebt, blicke ich hinunter auf die braun-grün gesprenkelte Erde und verspüre plötzlich einen scharfen, unerwarteten Schmerz des Heimwehs. Obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht hatte, als hier wegzukommen, mich von der monströsen Gewalt abzuwenden und zurück nach London, zu meiner Familie und allem, was mir Vertraut ist, zu gelangen, überkommen mich während des Flugs in Wellen Trennungsangst und das Gefühl, nach „Hause“ – nach Israel – zurückkehren zu müssen.

Allmählich wird uns auch bewusst, was wir in den letzten acht Tagen miterlebt haben: die erschütternden Nachrichten, die Sirenen, die zerrütteten Nerven. Später las ich, wie die israelische Schriftstellerin Dorit Rabinyan den tiefen Schock erklärt, den die Israelis am 7. Oktober empfanden, als der einzige jüdische Staat der Welt, der gerade deshalb gegründet worden war, um nach 2000 Jahren der Verfolgung und Staatenlosigkeit ein Zufluchtsort für jüdische Menschen zu sein, den schlimmsten Tag der Gewalt gegen sie seit dem Holocaust nicht verhindern konnte. „In diesem Moment“, sagte sie, „fühlte sich unsere israelische Identität so zerschmettert an. Es fühlte sich an, als wären 75 Jahre Souveränität, als wären 75 Jahre ‚Israelisch-Sein‘ – urplötzlich – verschwunden. Früher waren wir Israelis; jetzt sind wir Juden:Jüdinnen.“3

Für mich hatte der 7. Oktober genau den gegenteiligen Effekt. Ich sehe den mörderischen ideologischen Hass der Feinde Israels und erlebe, was es bedeutet, direkt unter Beschuss zu leben. Ich spüre wie nah die Landesgrenzen sind. Früher war ich Jüdin; jetzt bin ich auch Israelin.

Zurückkommen

Wir fliegen in der Mitte des ersten Waffenstillstands Ende November 2023 zurück. Ich überwinde den überwältigenden Widerstand, den ich empfinde, meine Kinder wieder hierher zurückzubringen. Der Himmel ist unheimlich still.

Anfang Dezember schauen wir in der Wohnung in Jaffa vorbei, in die wir eigentlich am 8. Oktober hätten einziehen sollen. Darin finden wir einen in der Zeit erstarrte Moment unseres Lebens vor. Auf der kleinen Sonnenterrasse hängt die Wäsche, die ich vor zwei Monaten aufgehängt habe, vom Wind zerzaust und mit Sand bestäubt. Auf dem Sofa liegt ein sorgfältig aufgeschichtetes Nest aus Kissen, das Tal gebaut hat, als er sich die Zeit vertrieb, während ich die Schränke ausräumte. Im Gefrierschrank liegt ein in Alufolie eingewickeltes Päckchen mit der Aufschrift „Karottenkuchen, 6. Oktober 23“, etwas Süßes zum Einzug, unangerührt.

Und überall, überall: die Gesichter der Geiseln.

Die Geiseln

Von dem Moment unserer Ankunft an sind sie da: Hunderte von Gesichtern, die vor unseren Augen aufleuchten, unausweichlich, auf den Bildschirmen der Passkontrollgeräte am Ben-Gurion-Flughafen. Alte, Junge, Kinder, Babys – ihre Plakate säumen den berühmten Steg für die Ankommenden. (Später wird jedes einzelne zu einer Art lebendigem Schrein, überhäuft mit Zetteln und Botschaften, Aufklebern und Papierblumen, persönlichen Gegenständen, Zeichnungen und Erkennungsmarken des Militär, hinterlassen von Familienangehörigen, Freund:innen und Fremden.)

Sie sind auch am nächsten Tag da, überall in Bat Yam: an Laternenmasten und in den Fenstern von Restaurants, auf riesigen digitalen Bildschirmen entlang der Uferpromenade. Jedes Plakat zeigt ein Porträtfoto, den Namen der Geisel (auf Hebräisch und Englisch) und darunter in Klammern ihr Alter. In den folgenden Wochen werden diese nackten Fakten zu knapp 150 Lebensgeschichten, und jede verbleibende Geisel verwandelt sich in eine vielschichtige Figur in einem makabren Theaterstück. Wir erfahren von ihren Familien und Hobbys, ihren Lieblingsspeisen, lustigen Begebenheiten aus ihrer Kindheit, was sie gerade studieren wollten, wen sie lieben. Im ganzen Land werden sie zu Berühmtheiten; einige, vor allem diejenigen mit doppelter Staatsangehörigkeit, werden auch weltweit bekannt.

An manchen Tagen ist es mir unmöglich, an viel anderes zu denken als an diese mir nahestehenden Fremden: an die Gefahr, in der sie sich wohl befinden, an den unvorstellbaren Schmerz ihrer Familien und Freund:innen. Etwas wird mir klarer als zuvor bewusst: Jede Umarmung mit den Kindern, jede Mahlzeit, die ich zubereite, jeder Atemzug oder jeder Blick, den ich von unserem Küchenfenster aus auf den Sonnenuntergang über dem Meer werfe, ist ein Luxus. Nachts halten mich Dunkelheit, Tunnel, versperrte Fluchtwege und eine atemraubende Klaustrophobie wach. In einem Albtraum muss ich meinen Eltern dringend sagen, dass sie zehn Minuten Zeit haben, das Nötigste zu packen, bevor wir fliehen müssen – aber ich muss es irgendwie schaffen, ohne sie zu beunruhigen, und ringe darum, die richtigen Worte zu finden. Ein anderes Mal, kurz bevor ich von etwas geweckt werde, das wie Schüsse klingt, träume ich lebhaft, dass ich versuche, Tal aus seinem alten Kindergarten abzuholen, der Lärm dabei ein Terroranschlag draußen auf der Straße.

Ich kenne weder Hersh Goldberg-Polin noch Carmel Gat, ebenso wenig wie Agam Berger, Naama Levy, Liri Albag, Andrey Kozlov, Omri Miran oder die Zwillingsbrüder Ziv und Gali Berman – doch ihre Gesichter ragen aus den Tiefen der Nacht zu mir auf. Ihre Namen bilden ein unaufhörliches Mantra, das, während ich schlafe, in meinem Kopf pocht.


Der Krieg verändert alles, auch die Geografie des Landes. Als ich Ende Oktober 2023 von London aus unsere neue Wohnung in Jaffa google, finde ich die Karte von Tel Aviv überarbeitet vor, Straßennamen sind mit neuen Markierungen überschrieben, die anzeigen, wo sich die öffentlichen Luftschutzbunker befinden.

Selbst die einfachsten Dinge erfordern jetzt eine Entscheidung, eine Abwägung von Risiken und Wahrscheinlichkeiten. Fahre ich mit Tal ins Einkaufszentrum, um neue Schuhe zu kaufen, oder meide ich überfüllte Orte, weil es zu einem Terroranschlag kommen könnte? Sollen wir dieses Wochenende Freund:innen nördlich der Stadt besuchen, oder ist das Risiko eines Raketenangriffs während der Fahrt zu hoch? Wenn ich beim Akupunkteur liege, halbnackt und mit Nadeln gespickt, wie schaffe ich es dann rechtzeitig in den Luftschutzbunker?

Die Welt zieht sich zusammen, unsere Wohnung ist der Mittelpunkt eines immer kleiner werdenden Kreises. Wenn ich allein zu Hause bin, merke ich, wie ich beinahe den Atem anhalte, bis wir vier am späten Nachmittag wieder zusammen sind. Mein Körper hat sich, genau wie die Stadt, neu eingestellt: ständig in höchster Alarmbereitschaft, angespannt, voller Adrenalin. Wenn die Sirene ertönt, weiß ich in kaum einen Bruchteil einer Sekunde, was zu tun ist: Ich bin bereit zur Flucht.

Bringt sie jetzt nach Hause

Der Slogan „Bring them home now“, „Bringt sie jetzt nach Hause“ schreit seine weiß-rot-schwarze Forderung als erstes von den Plakaten für die Geiseln herab. Entworfen vom „Forum der Familien von Geiseln und Vermissten“, einer ehrenamtlichen Organisation, die weniger als 24 Stunden nach Beginn der Hamas-Angriffe gegründet wurde, erscheint die Botschaft bald auch auf Bannern und Reklametafeln. Manche sind auf Augenhöhe, in Schaufenstern oder an Ampelmasten angebracht, andere in gigantischer Größe auf Plakatwände gedruckt oder auf Wolkenkratzer geklebt.

Am meisten berühren mich die frei adaptierten, handschriftlichen Versionen. Als Graffiti an Türen, Wänden und Bänken, reichen sie von spontanen bis hin zu sorgfältig geplanten Werken. Die klobige, schiefe Version entlang der alten Bahngleise im Süden Tel Avivs, gemalt von der gemeinnützigen Organisation „Artists4Israel“; Julia Shtengelovs (alias Imaginary Duck) schwarz-weiße Mädchenfigur mit dem Peter-Pan-Kragen, die nun Tränen in den Augen hat und mit dem Finger auf die Bitte über ihren Kopf zeigt; das Auto, das ich eines Tages in unserer Straße entdeckt habe, die Radkappen gelb angesprüht und auf den Seiten energisch mit dringlichen Halbsätzen beschrieben: „Bring Back“, „Bringt zurück“ auf Englisch auf der einen Seite und auf Hebräisch „tachziro“, „Holt sie“. Eine kindliche Version, in Schwarz, Gelb und Rot auf die jahrhundertealte Wand eines örtlichen Minimarkts gesprüht, neben einer gelben Schleife über einem blutenden Herzen.

Die Formulierung „Bring them home now“ verwundert mich von Anfang an wegen ihrer seltsamen Umkehrung; wegen der Richtung, in die sie sprachlich zeigt. Überall sonst auf der Welt würde man bei einer Geiselnahme an die Entführer appellieren: „Lasst sie frei!“, „Lasst sie gehen!“ Hier jedoch richtet sich die Aufforderung nicht an die Hamas oder den Palästinensischen Islamischen Dschihad, sondern an die israelische Regierung. Es liegt in eurer Verantwortung, unsere Familienangehörigen, unsere Eltern, Kinder und geliebten Freund:innen aus der Hölle der Terrortunnel im Gazastreifen zurückzuholen – nach Hause, nach Israel.

Für viele wie mich, die nicht hier aufgewachsen sind, kann „Bring them home now“ bestenfalls nur eine Seite der Medaille sein. Der Slogan fordert nichts von der Hamas und übt auf sie keinerlei Druck zu handeln aus. Im internationalen Kontext wurde darin eine schwerwiegende verpasste Chance gesehen. So sah es auch der amerikanisch-israelische Unternehmer James Oppenheim, der im Frühjahr 2024 eine Kampagne für einen alternativen Slogan startete: „Let them free now“, „Lasst sie jetzt frei“ – um die Verantwortung wieder ganz klar bei den Tätern zu verorten und, und das ist das Entscheidende, um die Unterstützung der Welt außerhalb Israels zu stärken, damit maximaler Druck auf die Terrororganisation selbst ausgeübt wird, die Geiseln freizulassen.

Trotz der wirkungsvollen Grafik der Kampagne – weißer Text auf blauem Hintergrund, das „o“ in „now“ („jetzt“) als gelbe Schleife mit einem Herz darin – ist der Slogan weitgehend marginal geblieben. Die israelische Maxime dieses Krieges ist „Bring them home now“, ungeachtet ihrer Beschränkungen. Vielleicht liegt das daran, dass es sich dabei nicht um einen neuen Aufruf handelt, sondern vielmehr um einen uralten, der auf eine Verpflichtung zurückgeht, deren Wurzeln im Talmud liegen, dem Kerntext des Judentums und der wichtigsten Quelle für dessen Theologie und religiöses Recht. Hier wurde das Prinzip des „pidyonshevuyim“ oder der „Befreiung der Gefangenen“ erstmals formuliert: die absolute Pflicht, die Freilassung eines gefangenen oder zu Unrecht inhaftierten jüdischen Mitmenschen zu erwirken. Maimonides, der rabbinische Philosoph des 12. Jahrhunderts, beschrieb diese Pflicht als eine große Mitzwa(gute Tat). So heißt es bei ihm: „Es gibt keine größere Mitzwaals die Befreiung von Gefangenen, da der Gefangene unter denen ist, die hungrig, durstig, nackt und in Todesgefahr sind.“4

Die Israelis empfinden eine sehr starke Verpflichtung, jede einzelne Geisel zurückzuholen. Dies ist Teil des Gesellschaftsvertrags, der von Kindheit an instinktiv verstanden wird und besonders tief bei denen verwurzelt ist, die ihre prägenden Jahre in der Armee verbringen. Der Staat wird dich beschützen, komme, was wolle. Niemand wird zurückgelassen, niemand vergessen, egal unter welchen Umständen und welche Maßnahmen auch immer erforderlich sein mögen. Das wissen in Israel alle – und sollte es jemals den geringsten Zweifel daran gegeben haben, wie weit das Land gehen würde, um seine Bürger:innen zurückzuholen, so wurden diese Zweifel 2011 endgültig ausgeräumt, als der IDF-Soldat Gilad Shalit nach mehr als fünf Jahren in der Gefangenschaft der Hamas freigelassen wurde – nicht im Austausch gegen einen, zehn oder gar 100 palästinensische Häftlinge, sondern gegen 1047.

Tragischerweise wissen auch die Feinde Israels all das nur zu gut. Ein wesentlicher Bestandteil der Strategie der Hamas unter Yahya Sinwar (dem Drahtzieher der Anschläge vom 7. Oktober, der selbst nach Jahren in israelischen Gefängnissen im Rahmen des Shalit-Deals freigelassen wurde) war es, eine große Anzahl von Menschen zu verschleppen – gerade, weil er den tiefgreifenden Wert des Lebens eines Gefangenen für Israelis und Juden:Jüdinnen so gut verstand und wusste, wie weit sie gehen würden, um die Freilassung jeder einzelnen Geisel zu erreichen. Geiseln zu nehmen ist zu einer Waffe geworden, zu einer zentralen Strategie der Hamas, und die Allgegenwärtigkeit der Forderung „Bring them home now“ bezeugt ihre verheerende Wirksamkeit.

Trotz dieser schrecklichen inhärenten Risiken drückt der Slogan etwas zutiefst Moralisches und Humanistisches aus, die grundlegende Mitzwa. „Wie kann ich ihn zurücklassen?“, fragt Eli Sharabi, der 491 Tage lang als Geisel festgehalten wurde und die ganze Zeit in Ketten lag, in Bezug auf seinen Mitgefangenen Alon Ohel, der noch immer halbblind in einem tief unter der Erde liegenden Tunnel in Gaza ausharrt, nun ganz allein. Man könnte annehmen, Sharabi hätte großes Interesse daran, die Schrecken dort unten allmählich zu vergessen und sich abzuwenden, jetzt, da er selbst befreit worden ist. Stattdessen berichtete er in seinem ersten Interview nur wenige Tage nach seiner Freilassung im Februar 2025: „Wir haben uns gegenseitig unterstützt und waren rund um die Uhr zusammen. Ich weiß alles über ihn. Über seine Familie, jedes Datum, jedes Hobby seiner Schwester, seines Bruders, seiner Eltern – ich weiß alles. Wie kann ich ihn zurücklassen?“5

Der Platz der Geiseln

Im Kampf für die Rückkehr der Geiseln spielt ein großer öffentlicher Platz vor dem Kunstmuseum in Tel Aviv eine zentrale Rolle. Er wurde kürzlich in „Platz der Geiseln“ umbenannt und beherbergte einst lediglich eine Skulptur von Menashe Kadishman sowie eine liegende Figur von Henry Moore, die Besucher:innen elegant zum Eingang des Museums hinführt. Die Skulpturen stehen zwar noch immer dort, gehen jedoch inmitten eines völlig neuen Raums fast vollständig unter. Er sieht aus wie ein Platz für Rockkonzerte oder politische Kundgebungen; halb wie eine Gedenkstätte, halb wie ein sozialer Treffpunkt. Und all diese Funktionen hat dieser Raum tatsächlich auch. Hier halten hochrangige Gäste Reden; es finden tränenreiche, wütende Kundgebungen statt, auf denen die Freilassung der Geiseln gefordert wird; ihre Familien und Freund:innen organisieren hier Vorträge, Konzerte und Spendenaktionen; äußerst emotionale Kunstwerke werden aufgestellt; Merchandise-Artikel – Anstecker, Armbänder, Schleifen, T-Shirts, Pullover, Baseballkappen, Bücher – werden verkauft, um die Arbeit des Forums zu unterstützen. Trauer, Verzweiflung, Wut, Protest, Gedenken, Gebet, Sehnsucht – all die Emotionen und Erfahrungen des Krieges vereinen sich an diesem Ort.

Ich komme regelmäßig hier vorbei, oft auf dem Weg zum Museum. Jedes Mal zeigt der Platz ein neues Gesicht. Drei Monate nach Kriegsbeginn sehe ich zum ersten Mal den langen Schabbat-Tisch, an dem für jede vermisste Geisel ein Platz gedeckt ist. Papier-Schmetterlinge schmücken die Tischplatte. Die Installation erstreckt sich vom Eingang des Museums bis zur Hauptstraße, als stünden die beiden Orte in einem Dialog – obwohl ich für meinen Teil erschrocken bin, wie schnell die Wucht dessen, was draußen geschieht, alles übertrumpft, was das Museum drinnen zeigen mag. Die ausgestellten Arbeiten versuchen nach Kräften, eine Verbindung zur Realität des Krieges herzustellen, doch es ist das, was auf dem Platz vor sich geht, das einem die Kehle zuschnürt: der spontane, folkloristische Charakter der Kunstwerke, die Energie des Ganzen, der Lärm, die intensiven Emotionen, das greifbare Gefühl von Aktivität, unaufhörlich „bis zur letzten Geisel“. Bei einem späteren Besuch im Frühjahr 2024 ist eine Nachbildung eines Hamas-Tunnels aufgebaut worden, komplett mit bedrohlicher Geräuschkulisse aus tropfendem Wasser und fallenden Bomben; die Wände dienen als Leinwand für die Botschaften und Gebete der Besucher:innen. Im Spätsommer wirkt der Platz baufällig und müde, wie der Morgen nach einer alkoholschwangeren Demonstration. Die Schilder sind verblasst, hier und da wurden Absperrungen errichtet. Der für die Geiseln gedeckte Tisch wurde mit einem Baldachin überdacht und so versetzt, dass er parallel zur Straße verläuft und nun für den vorbeifahrenden Verkehr besser sichtbar ist.

Die riesige digitale Anzeige, die über dem Platz hängt, markiert unablässlich die Zeit; rote Ziffern zählen jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde, die seit dem 7. Oktober vergangen sind. Die Zeit wird auch – auf qualvolle Weise – mit jeder verstreichenden Jahreszeit bewusst: im Frühling der gedeckte Tisch für Pessach; im Frühsommer zu Schawuot ein im Kibbuz Be’eri gedrucktes Kochbuch, mit Rezepten der Lieblingsgerichte derer, die entweder ermordet oder als Geiseln genommen wurden. Zum Jahresende stehen handgefertigte Kerzenleuchter auf dem Platz – acht Hände, die flehend ineinander verschränkt sind; acht Wachsherzen, jedes von einer gewölbten Nische umfangen – für Chanukka, das jüdische Lichterfest. Ein anderes Werk schuf der Künstlers Eli Gross aus Bruchstücken von Raketen, die aus Iran, von der Hamas, der Hisbollah im Libanon und den Houthis im Jemen auf Israel abgefeuert wurden – ein schroffer Tribut an die Kraft des Überlebens.

Alles auf dem Platz ist im Wandel, verändert sich, während die schweren Tage vergehen… und vergehen… und vergehen.

Krieg in vier Farben

Blau und Weiß

Rot ist seit jeher das Blut des Konflikts, doch dieser Krieg hat andere Farbtöne angenommen. An erster Stelle stehen dabei Blau und Weiß, die Nationalfarben Israels. Ich erinnere mich daran, wie mir vor dem Krieg auffiel, dass ich so viele israelische Flaggen sah, die an öffentlichen Gebäuden und Büros hingen, von Balkonen wehten oder, in kleinem Format, auf Autoaußenspiegeln prangten. Jedes Frühjahr vor dem Unabhängigkeitstag gibt es in den Ha’col be’shekel-Läden (so etwas wie „1-Euro-Läden“) in ganz Israel eine riesige Auswahl an blau-weißen Motiven zu kaufen, auf jeder erdenklichen Oberfläche aufgebracht – von Bonbonverpackungen und Plastiktröten bis hin zu Tischdecken und Bauschaumsprühdosen.

Die Flagge ist in vielerlei Hinsicht, zumindest für jüdische Israelis, in ihrer Botschaft weitaus eindeutiger als beispielsweise der britische Union Jack, der in jüngster Zeit für alles Mögliche stand, von Nationalstolz und britischem Multikulturalismus bis hin zu einer anti-europäischen, einwanderungsfeindlichen oder pro-Brexit Haltung, ja sogar für ein Sympathisieren mit der extremen Rechten. In Israel zelebriert die Flagge unumwunden das scheinbar Unmögliche: den Traum von einer jüdischen Heimat, der Wirklichkeit geworden ist. Ihr Design – weiß mit je einer blauen Linie oben und unten, die einen blauen sechszackigen Stern, den Magen David oder Davidstern, rahmen – bezog sich ursprünglich auf den jüdischen Tallit oder Gebetsschal, ein weißes Tuch mit Quasten und blauen Rändern. In der jüdischen religiösen Tradition steht Weiß für Reinheit, Frieden und strahlt etwas Priesterliches aus; Blau steht für das Leuchten des Firmaments, es ist eine Farbe, die in der jüdischen mystischen Tradition und Eschatologie eine herausragende Rolle spielt.

Seit dem 7. Oktober sind Blau und Weiß so allgegenwärtig wie nie zuvor. Ebenso zwei Sätze, die fast ausschließlich in diesen Farben dargestellt werden. Der erste lautet Am Israel Chai, „Das Volk Israel lebt“. In den Jahrzehnten vor der Gründung Israels war dies ein zionistischer Slogan, während des Zweiten Weltkriegs wurde er zu einem Ausdruck von Solidarität und Widerstand. Seit 1948 taucht er immer dann wieder auf, wenn Israel angegriffen wird und dient in Kriegszeiten als Parole, die verkündet: Unsere Feinde werden uns nicht besiegen. Wir haben überlebt; wir werden überleben.

Der zweite Satz lautet Yachad Ne’natzayach, „Gemeinsam werden wir siegen“. Vordergründig ein eher schlichter Ausdruck von Patriotismus, vermittelt er die Notwendigkeit der Einheit angesichts von Feinden, die uns vernichten wollen. Gemeinsam werden wir unser Land verteidigen, und gemeinsam werden wir siegreich sein. Es ist eine Botschaft, gegen die in den ersten Tagen des Krieges, in einem Moment wahrer Krise, kaum jemand Einwände erhob. Doch für einen bedeutenden Teil der israelischen Öffentlichkeit ist der Satz nun, nach all diesen Monaten zu einer hohlen Phrase geworden, wenn sich eine Regierung, die schon lange vor dem Krieg eher spaltend als einigend wirkte, seiner bedient. Von Januar 2023 bis zum 7. Oktober hatte es massive öffentliche Proteste gegeben gegen die Versuche von Netanjahus Regierung, das Justizwesen umzubauen; die Reformen zielten unter anderem darauf ab, der Regierung die vollständige Kontrolle über den Obersten Gerichtshof zu verschaffen, die israelische Anwaltskammer aufzulösen und die Zusammensetzung des Ausschusses zur Wahl von Richter:innen zu ändern. „Wir sind ein Israel“, wie ein anderes Transparent verkündet, ist heute gleichzeitig ein zynischer Versuch, diese anhaltende Verfassungskrise zu beschönigen und Bibis Gegner:innen zum Schweigen zu bringen, und eine herzerwärmende Solidaritätsbekundung.

Gelb

Gelb ist, ebenso wie Blau und Weiß, in Israel nichts Neues, doch auch hier zeugt die Allgegenwart von einem grundlegenden Wandel. Es ist die Farbe der Solidarität mit den Geiseln und des Erinnerns an ihr Schicksal. Leuchtende Farbtupfer in Zitronen-, Kanarienvogel-, Löwenzahn-, Dotter-, Narzissen-, Honig- und Goldtönen prägen das Land und seine Menschen – von Handy-Schlüsselbändern und eigens entworfenem Schmuck bis hin zu den schlichten gelben Fahnen, die Autobahnen säumen, und zu den leeren gelben Stühlen, die überall aufgestellt werden, um an diejenigen zu erinnern, die nicht am Familientisch sitzen.

Insbesondere Schleifen in Gelb haben sich weltweit durchgesetzt. Die Ursprünge dieses Symbols reichen mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurück. Es wurde traditionell von Frauen getragen, die an ihre in den Krieg gezogenen Liebsten erinnerten – eine Assoziation, deren Bekanntheit durch ein Lied des amerikanischen Songschreibers George Norton aus dem Jahr 1917 verbreitet wurde: „round her neck she wears a yeller ribbon / for her lover who is fur fur away“ („um ihren Hals trägt sie eine gelbe Schleife / für ihren Liebsten, der weit weit weg ist“). Das Motiv hielt 1973 endgültig Einzug in die Popkultur, als die US-amerikanische Band Tony Orlando and Dawn ihren Hit „Tie a Yellow Ribbon Round the Ole Oak Tree“ („Binde eine gelbe Schleife um die alte Eiche“) veröffentlichte, der die Geschichte eines Häftlings erzählt, der seine Strafe verbüßt hat und nach Hause zurückkehrt: „…Wenn du meinen Brief erhalten hast, in dem ich dir schrieb, dass ich bald frei sein werde / Dann weißt schon, was zu tun ist / Wenn du mich noch willst, wenn du mich noch willst / Whoa, binde eine gelbe Schleife um die alte Eiche / Es waren drei lange Jahre, willst du mich noch?…“ Die Platte verkaufte sich in nur drei Wochen drei Millionen Mal und traf den Nerv der amerikanischen Öffentlichkeit, die sich danach sehnte, dass die Truppen und Kriegsgefangenen aus Vietnam nach Hause gebracht würden. 1979 erhielt der Song nochmals eine neue Bedeutung: Er wurde zur inoffiziellen Hymne und die gelbe Schleife zum Symbol der Unterstützung für die US-amerikanischen Geiseln, die in der Botschaft in Teheran von einer Gruppe bewaffneter Studenten, Anhängern der iranischen Revolution, festgesetzt worden waren.

In Israel kamen gelbe Schleifen zuletzt im Sommer 2008 zum Einsatz, als sie in der Region Galiläa tausendfach an Autospiegeln befestigt wurden, als Geste der Hoffnung auf die Rückkehr von Gilad Shalit, der im Norden des Landes im Dorf Mitzpe Hila geboren wurde und dort auch aufgewachsen ist. Auch heute sind die Autos wieder mit gelben Schleifen geschmückt, und man kann kaum um eine Ecke biegen, ohne eine an den Metallstäben eines Fenstergitters oder am Rucksack eines Fremden hängen zu sehen. Sie zeugen von der Sehnsucht und Loyalität derjenigen, die daheim auf die Rückkehr ihrer Angehörigen warten, und senden gleichzeitig eine kraftvolle Botschaft an diejenigen, die sich noch in Gefangenschaft befinden: Ihr seid nicht vergessen; wir kämpfen dafür, euch zurückzuholen. Das Zeichen hat eine so zentrale Bedeutung erlangt, dass im Frühjahr 2024 eine neue Version der Nationalflagge präsentiert wurde, auf der ein gelbes Band um den oberen Zacken und durch die Mitte des Davidsterns geschlungen ist. Entworfen hat sie Reuven Yablonka, dessen Sohn Hanan beim Nova-Festival ermordet wurde.6 Sie bringt prägnant zum Ausdruck, wie sehr das Schicksal der verbleibenden Geiseln mit dem der Nation verflochten ist und wie tief es aktuell in der israelischen Seele verankert ist.


Orange

Orange steht für die säuerliche Süße der weltberühmten Frucht aus Jaffa, die hier seit mehr als 150 Jahren in Obstplantagen angebaut und auch von hier aus verschifft wird. Sie ist eines der bekanntesten Symbole Israels; die intensive Farbe kleidete einst sogar die Flugbegleiter:innen von El Al, der nationalen Fluggesellschaft. Leuchtendes Orange war vor zwanzig Jahren auch die Farbe des Widerstands, die sich Gruppen israelischer Siedler:innen im südlichen Gazastreifen, insbesondere in Gush Katif, auserkoren, die gegen das Vorhaben von Premierminister Ariel Sharon, sich aus dem Gazastreifen zurückzuziehen, agitierten (währenddessen Blau umgekehrt die Farbe der Menschen war, die die Übergabe des Landes an die Palästinenser:innen befürworteten).

Nun wird die Farbe Orange erneut mit dem Gazastreifen in Verbindung gebracht – und dabei auch mit Süße verknüpft, aber mit einer Süße ganz anderer Art. Es ist die Farbe der sogenannten „Jinji“, der beiden rothaarigen Bibas-Kinder, die zusammen mit ihrer Mutter Shiri aus ihrem Haus im Kibbuz Nir Oz nahe der Grenze zum Gazastreifen verschleppt wurden. Offenbar wurden alle drei an den Meistbietenden verkauft – die palästinensischen Mudschaheddin-Brigaden – und in der Gefangenschaft ermordet. Ihre Gesichter wurden von Nachrichtensendern weltweit häufiger ausgestrahlt als die aller anderen Geiseln, aufgrund der grauenhaften Tatsache, dass es sich bei den Bibas-Jungen – dem vierjährigen Ariel (was „Löwe Gottes“ bedeutet) und dem neun Monate alten Kfir („Löwenjunges“) – um die jüngsten Geiseln handelte, die am 7. Oktober entführt worden waren; Symbole geraubter Unschuld. Sie waren außerdem die letzten beiden Kinder, die nach dem einwöchigen Waffenstillstand Ende November 2023, bei dem 105 Geiseln nach Israel zurückkehrten, weiterhin in Gaza festgehalten wurden. Ihr Vater Yarden, der getrennt von seiner Frau und seinen Söhnen verschleppt worden war, wurde am 1. Februar 2025 freigelassen. Die Leichen seiner Frau und seiner Kinder wurden etwa drei Wochen später übergeben und identifiziert.

Bei ihrer Beerdigung am 26. Februar, inmitten eines Meeres aus Farbtönen von Mandarinen und Feuerglut, wurde der gemeinsame Sarg von Rishon-le-Zion im Zentrum Israels zu der letzten Ruhestätte in Tzohar, nahe dem Wohnort der Familie Bibas, überführt. Zehntausende säumten die 100 km lange Strecke, viele trugen orangefarbene Kleidung oder hielten flammenfarbene Blumen, Luftballons, Transparente und Schleifen in den Händen. Die israelische Flagge, die an den Autos des Trauerzuges befestigt war, nahm eine rotbraune Tönung an. Im ganzen Land ließen Menschen Dutzende orangefarbener Luftballons in die Luft steigen; die Histadrut (der Allgemeine Gewerkschaftsbund) schaltete Nachrufe mit orangefarbenem Hintergrund auf den Titelseiten der großen israelischen Zeitungen; die offizielle Residenz des Präsidenten Jitzchak Herzog in Jerusalem erstrahlte im Schein einer safranfarbenen Lichtprojektion.

Fast 17 Monate lang war Orange zum Symbol für das Grauen der Entführung der Kinder geworden, das ihre Geiselnehmer mit der Kamera festgehalten und mit der Welt geteilt hatten wie so viele abscheuliche Aufnahmen an jenem Tag. Wer es gesehen hat, wird den Ausdruck auf Shiris versteinertem Gesicht wohl nicht so schnell vergessen: die Augenbrauen zusammengezogen, der Mund voller Qual geöffnet, während sie ihre beiden kleinen Kinder unter einem Schal fest an ihre Brust drückt und eine chaotische Gruppe bewaffneter Männer sie weggeführt. Zu den bewegendsten Kunstwerken auf dem Platz der Geiseln zählen jene, die sich auf diese Familie beziehen: eine gemalte Fassung des entsetzlichen Filmstills; eine Keramikbüste von Shiri, die ihre Kinder umklammert; eine Skulptur eines rothaarigen Kindes, das in einem Käfig gefesselt ist.

Orange war die Farbe der Hoffnung auf die sichere Rückkehr der Familie. Nun steht Orange stattdessen für die Trauer einer ganzen Nation. Der Künstler Vincent van Gogh schrieb bekanntermaßen, es gebe „kein Blau ohne Gelb und Orange“. Er sprach dabei selbstverständlich über die Kontraste und die Balance zwischen den Farben in seinen Gemälden. In Israel ist Blau nach wie vor die Farbe der Flagge, Gelb die der Geiseln – doch Orange hat seine ursprüngliche Aussage tragischerweise verloren.

Krieg, Krieg, überall

Politisch, wirtschaftlich, kulturell, psychologisch – der Krieg ist überall. Aber auch visuell kann man ihm nicht entkommen. Manchmal überfällt er einen aus heiterem Himmel, an Orten, an denen man es am wenigsten erwartet: „Gemeinsam werden wir siegen“ auf Shampooflaschen in der Apotheke um die Ecke, auf dem Bezahlautomaten, als ich die Tiefgarage verlassen will, als eindringliche Botschaft, die auf der Kinoleinwand aufblitzt – eingeklemmt zwischen Trailern und einem Kinderfilm –, um den Soldat:innen, den Sicherheitskräften und den Menschen in der Nähe der Kriegsgebiete Kraft zu spenden, den Ermordeten und im Kampf Gefallenen Beileid auszusprechen und den Verletzten gute Besserung zu wünschen. In einem belebten, gehobenen Einkaufszentrum im Zentrum von Tel Aviv gestalten Kinder gemeinsam mit ihrer Mutter ein großes Plakat und malen vorgedruckte Bilder aus: Bäume, Tauben, Herzen und Kinder, die sich an den Händen halten, aber auch Panzer, Landkarten Israels, Flaggen, Davidsterne, Militärflugzeuge, Soldat:innen mit Gewehren und die Slogans „Am Israel Chai“, „Beyachad Ne’natzayach“, „Shema Israel“ sowie „Bring them home now“.

Die Unerbittlichkeit dieser visuellen Übergriffe erklärt zum Teil die (von Schuldgefühlen begleitete) Erleichterung, die ich bei Reisen zurück nach Großbritannien empfinde. Natürlich liegt das daran, dass es keine Sirenen und Raketen gibt, dass ich nicht jedes Mal, wenn ich in einen Bus oder Zug steige, mit einem Terroranschlag rechnen muss. Aber auch das ständige Bewusstsein für den Krieg, seine allgegenwärtige Bildsprache, lässt kurz nach. Stattdessen gibt es hier eine visuelle Welt vielfältiger Themen und Anliegen, unterschiedlicher Farben und Designs, diverser Angebote und Möglichkeiten. Ein Baum ist wieder ein Baum, kein Ort, an dem eine Schleife befestigt wird; eine Werbetafel bietet mir ein TV-Abonnement, einen Urlaub an und fordert mich nicht auf zu kämpfen, bis die letzte Geisel wieder zu Hause ist; Parkbänke sind verziert mit Liebesbekundungen von Jugendlichen, nicht mit selbstgemachten Aufklebern, die Porträts von gefallenen jungen Soldat:innen und toten jugendlichen Partygästen zeigen.

Doch das Privileg, wegschauen zu können, unterstreicht nur umso mehr die Notwendigkeit, meinen Blick wieder darauf zu richten. Wir alle haben die Pflicht, unsere Augen für die Wahrheit offen zu halten, so hässlich sie auch sein mag: sie zu sehen und uns zu ihr zu verhalten. Hinzuschauen bedeutet Auswählen; es ist eine Entscheidung. Selbst diejenigen unter uns, die das Glück haben, woanders sein zu können, an einem anderen Ort, den wir unser Zuhause nennen können – vielleicht sogar gerade wir mehr als alle anderen –, dürfen nicht wegschauen.

  1. John Berger, Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt, Frankfurt am Main, 2018, S. 8. Im Original: „Seeing is an act of choice“, in: Ders., Ways of Seeing, London 1972, S. 8. ↩︎
  2. Engl. Original: „…we are back in a time it discredits the middle ages to call medieval“. Howard Jacobson, LCSCA Robert Fine Memorial Lecture, 22. Oktober 2023, in: Rosa Freedman und David Hirsh (Hrsg.), Responses to 7 October: Antisemitic Discourse, Abingdon 2024, S. 12. ↩︎
  3. Engl. Original: „At that moment, our Israeli identity felt so crushed. It felt like 75 years of sovereignty, of Israeliness, had — in a snap — disappeared. We used to be Israelis; now we are Jewish”. Dorit Rabinyan, zitiert nach Patrick Kingsley, „As World’s Gaze Shifts to Gaza, Israel’s Psyche Remains Defined by Oct. 7 Attack“, in: New York Times vom 26. Dezember 2023.
    ↩︎
  4. Maimonides (Rabbi Moses Ben Maimon), Mischne Tora, Buch S’raim, Armenspende, Kapitel 8, Halacha 10. Deutsche Fassung zitiert nach https://breslauersammlung.com/2024/04/11/pidjon-schwujim/. ↩︎
  5. Eli Sharabi, Interview mit Ilana Dayan für „Uvda“, israelischer TV-Sender Kanal 12, 27. Februar 2025. ↩︎
  6. Redaktionelle Anmerkung: Nach Veröffentlichung dieses Textes wurde bekannt, dass Hanan Yablonka vom Nova-Festival schwer verletzt nach Gaza verschleppt wurde und erst dort ermordet wurde. Vgl. „Dragged from Nova, executed in a Gaza hospital: the horrific abduction of Hanan Yablonka“, in: Ynet.com, 19. Juli 2026, https://www.ynetnews.com/article/hyeafdqemx. ↩︎

Zuerst erschienen in: werkraum bild und sinn e.V. (Hg.): Jüdische Realitäten nach dem 7. Oktober / Jewish Realities after October 7, Berlin 2025, S. 8–33.
Deutsche Übersetzung: Annika Wienert.