Konzept für eine Gedenk- und Begegnungsstätte am Alten Leipziger Bahnhof

Von August 2024 bis März 2025 hat ein Projektteam des Förderkreises im Auftrag der Stadt Dresden ein Nutzungs- und Betreiberkonzept für eine Gedenk- und Begegnungsstätte am Alten Leipziger Bahnhof erarbeitet. Die Ergebnisse stellen wir hier vor.

Visualisierung: Alter Leipziger Bahnhof als Gedenk- und Begegnungsstätte
Autoren: adasp architekten GmbH | Visualisierung: Edgar Bauer 3d concept artist

Zum Download: Konzept (Stand: 28.3.2025) – Recherchebericht (Stand: 14.11.2024) – Gebot

Zentrale Eckpunkte
  • Der Alte Leipziger Bahnhof wird zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte, die sich in einer sachsenweiten Perspektive der Deportationsgeschichte im Nationalsozialismus widmet. Diese Schwerpunktsetzung ergibt sich aus dem historischen Ort. Vom Güterbahnhof Dresden-Neustadt wurden unmittelbar Jüdinnen*Juden aus Ostsachsen, aber auch aus Mittelsachsen und Mitteldeutschland in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Damit ist er nicht nur ein lokaler Erinnerungsort, sondern von überregionaler Bedeutung.
  • Die Arbeit der Gedenk- und Begegnungsstätte ist der Bewahrung und Vermittlung der allgemeinen Menschenrechte und der demokratischen Verfasstheit des Gemeinwesens in Deutschland verpflichtet. Sie arbeitet nach professionellen Wissenschafts- und Bildungsstandards.
  • Die Gedenk- und Begegnungsstätte arbeitet inklusiv, diversitätssensibel und vermittlungsorientiert, ohne dabei ihren wissenschaftlichen und kulturellen Anspruch zu verlieren.
  • Die Gedenkstätte richtet Arbeitsbereiche entsprechend den Kriterien der ICOM für Erinnerungsorte ein, d.h., sie sammelt und forscht zum historischen Ort und der Deportationsgeschichte in Sachsen und stellt ihre Erkenntnisse in Ausstellungs-, Bildungs- und Vermittlungsangeboten zur Verfügung. Sie bietet der Öffentlichkeit und den Nachfahr*innen ehemals Verfolgter des Nationalsozialismus einen würdigen Ort des Trauerns und Gedenkens.
  • Die Begegnungsstätte entwickelt ein eigenes und durch eine Vielzahl an Nutzer*innen gestaltbares Profil, das offen für gesellschaftliche Entwicklungen ist. Sie ist ein Ort jüdischer Gegenwartskultur und der Kultur weiterer ehemaliger Verfolgtengruppen im Nationalsozialismus. Sie verschafft ihnen Sichtbarkeit und Repräsentanz. Sie fördert die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart, sowie mit der Herrschafts- und Verfolgungsgeschichte des Nationalsozialismus.
  • Der Alte Leipziger Bahnhof versteht sich als Knotenpunkt innerhalb einer dezentralen Erinnerungs- und Initiativenlandschaft. Er arbeitet nach den Prinzipien von Kooperation und Vernetzung und bietet hierfür einen Gestaltungsort. Für die Arbeit von Gedenk- und Begegnungsstätte entstehen modular nutzbare Räume, die Synergien zwischen den unterschiedlichen Schwerpunkten schaffen.
  • In der Ruine des ehemaligen Ringlokschuppens entsteht ein offener Vermittlungsort der Verkehrsgeschichte am Beispiel des Alten Leipziger Bahnhofs. Er ordnet die Deportationsgeschichte in eine Erzählung der Ambivalenzen von Technik, Mobilität und Moderne ein.
  • Als Ort der Nachbarschaft entsteht im Alten Leipziger Bahnhof ein Lesecafé mit Bistro, das neben einem kulinarischen Angebot auch moderne Plätze für Einzel- und Gruppenarbeiten sowie Zugänge zu medialen und digitalen Diensten und eine mobile Veranstaltungsbühne bietet.
  • Trägerin des Alten Leipziger Bahnhofs wird eine Einkommensstiftung privaten Rechts, an der sich die Stadt Dresden, der Freistaat Sachsen und die Zivilgesellschaft beteiligen.
Konzeptionelle Überlegungen

Als Projektteam waren wir vor die Herausforderung gestellt, mit den drei vorgeschlagenen Nutzungsvorstellungen des Gedenkens, von zeitgenössischer Begegnung und verkehrshistorischer Vermittlung sowie den zwischen ihnen bestehenden Spannungen und Widersprüchen umzugehen. Unser Anspruch war dabei, jede Nutzungsvorstellung ernst zu nehmen und sie in ein konsistentes Gesamtkonzept zu überführen.

Unser Ausgangspunkt für die Arbeit am Konzept war die lange Geschichte des historischen Ortes. In den Diskussionen, die die Überlegungen zur Entwicklung eines Erinnerungsortes am Alten Leipziger Bahnhof seit Jahren begleiteten, war jedoch deutlich geworden, dass die Funktion des Ortes für den nationalsozialistischen Verbrechenskomplex eine bislang in Dresden und Sachsen bestehende und für die Nachfahren der Betroffenen schmerzliche Lücke berührt. Denn während die Bedeutung des Ortes für die Verkehrsgeschichte der Region bereits weithin bekannt ist und für deren museale Darstellung und Vermittlung mit dem Verkehrsmuseum ein eigener Ort in der Stadt existiert, gab und gibt es in Sachsen keinen Ort, der an die Deportationen im Nationalsozialismus und die von ihnen betroffenen Menschen erinnert, Wissen darüber bereitstellt und im Sinne einer historisch-politischen Bildungsarbeit vermittelt. Zudem hat die sozialwissenschaftliche Forschung erhebliche Defizite im Wissen über den Nationalsozialismus, insbesondere bei Jugendlichen, aufgedeckt. Unser Auftrag bestand deshalb darin, einen klaren Fokus auf den Aspekt des Gedenkens und Bildens zu legen.

Eine zweite Herausforderung bestand in den teilweise widersprüchlichen Geschichtsnarrativen, für die der Alte Leipziger Bahnhof steht. Während eine verkehrsgeschichtliche Präsentation, die den Nationalsozialismus nicht ausspart, jedoch nur erwähnt, vorbehaltlos alle Besucherinnen von jung bis alt ansprechen kann, muss für den Besuch eines Gedenkortes ein angemessener Rahmen geschaffen werden, der das Pietätsgefühl der Besucherinnen respektiert, Raum für Emotionen bietet, Betroffenheit akzeptiert und auffängt und dennoch konstruktives Lernen ermöglicht. Um diesen beiden Besuchsmodi gerecht zu werden, war es notwendig, die Anliegen räumlich zu trennen und ihnen jeweils eigene Bereiche zuzuweisen. Gleichzeitig haben wir jedoch eine inhaltliche Klammer eingebaut, die auf dem Wissen beruht, dass die Geschichte der Deportationen letztlich ein Teil der Verkehrsgeschichte ist.

Eine dritte Herausforderung stellten die unterschiedlichen Vorstellungen zur Nutzung des Ortes dar, die tiefer liegende Konflikte um den richtigen Umgang mit der Geschichte der Shoah innerhalb der Dresdner Stadtgesellschaft und insbesondere innerhalb der pluralen jüdischen Community der Stadt sichtbar machten. Während einige jüdische Stimmen in Dresden forderten, im Alten Leipziger Bahnhof Raum zu schaffen, um jüdisches Leben in der Gegenwart erfahrbar zu machen, lehnten andere Teile der jüdischen Community diese Idee strikt ab und kommunizierten Ängste, dass der ehemalige Deportationsort zu einer Vergnügungsstätte verkommen könnte. Um diese Ängste ernst zu nehmen und abzubauen, gleichzeitig aber der Kulturarbeit Raum zu geben, haben wir ein Raumkonzept entwickelt, das Nutzungen, wo nötig, trennt und für bestimmte Formate, die der Pietät des Gedenkens und Trauerns widersprechen, alternative Orte in der näheren Umgebung anbietet.

Mit der Diskussion um die richtige Nutzung war die Frage verbunden, inwieweit eine Fokussierung auf jüdische Begegnung dem historischen Ort angemessen ist. Der Alte Leipziger Bahnhof war in seiner Geschichte kein jüdischer Ort per se. Anders als zerstörte Synagogen, zweckentfremdete Talmudschulen oder vergessene jüdische Kultureinrichtungen ist er ein Ort der Täterschaft, der nicht nur mit Deportationen, sondern auch mit Rüstungsindustrie und Zwangsarbeit verbunden ist. Darüber hinaus war sich das Projektteam bewusst, dass seine Bedeutung im Nationalsozialismus nach wie vor ein Desiderat der historischen Forschung darstellt und neue Erkenntnisse zu weiteren Opfergruppen möglich sind. Auch in Bezug auf die Deportationen geht seine symbolische Bedeutung über die Verfolgung jüdischer Menschen hinaus und betrifft weitere Gruppen. Den historischen Ort als Ausgangspunkt des Konzepts ernst zu nehmen, bedeutete daher, die Begegnungsstätte inklusiv zu gestalten und konzeptionell zu öffnen. Damit wollen wir eine in sich konsistente Einrichtung vorschlagen, die Komplementarität zwischen den Anliegen des Gedenkens und der Begegnung schafft.

Wir verbinden diese Überlegungen mit dem Bewusstsein, dass im bisherigen Diskussionsprozess wichtige Stimmen noch nicht gehört wurden. So fehlt die Perspektive anderer Verfolgtengruppen des Nationalsozialismus, für die die Geschichte des Ortes von Bedeutung ist. Ebenso sind die Stimmen der Nachfahren der direkt vom Alten Leipziger Bahnhof Deportierten bislang ungehört geblieben. Auch wenn wir davon überzeugt sind, mit dem vorliegenden Konzept zentrale Setzungen entwickelt zu haben, halten wir es für notwendig, bei der Umsetzung darauf zu achten, diese Stimmen einzubeziehen.

Abweichend von der ursprünglichen Projektbezeichnung »Gedenkort mit einer Bildungs-, Vermittlungs- und kulturellen Begegnungsstätte« sprechen wir im vorgelegten Konzept von einer Gedenk- und Begegnungsstätte, um die eigenständigen Bestandteile der Konzeption herauszustellen und ihr jeweiliges fachliches Profil zu schärfen. Mit dem Begriff »Gedenkstätte« unterstreichen wir die von uns zugrunde gelegte Definition von Gedenkstätten nach den Standards des International Committee for Memorial Museums for Public Crimes (IC MEMO/ICOM) und den Standards für Museen, die zu erfüllende Kriterien für eine öffentliche finanzielle Förderung beinhalten. Begegnungsstätte definieren wir als Ort der Zusammenkunft von Menschen, mit dem Ziel des gegenseitigen Austausches und gemeinsamer Unternehmungen. Sie verfolgt im Rahmen der Konzeption sowohl bildungspolitische Zwecke in Bezug zum historischen Ort, als auch kulturelle Zwecke im Sinne der Vermittlung pluraler jüdischer Gegenwartskulturen und weiterer Kulturen ehemaliger Opfergruppen des Nationalsozialismus.

Dank

Die Autor*innen danken den zahlreichen Interviewpartner*innen für die Bereitschaft, uns ihre Expertise zur Verfügung zu stellen und für das uns entgegen gebrachte Vertrauen, Koop Bremen für das tolle Layout und die grafische Gestaltung, adasp architekten GmbH für die ebenso unkomplizierte und kurzfristige Unterstützung bei der Erstellung von Grundrissen und der Visualisierung, Solvejg Höppner für die Verwaltungsarbeit im Zuge der Umsetzung und Dana Schlegelmilch für ihre tolle Arbeit bei der Erstellung des Gebots, ihre Mitarbeit bei der Interviewerhebung und die vielfältigen inhaltlichen Impulse.

Umsetzungszeitraum: 08/2024-03/2025
Auftraggeberin: Landeshauptstadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz

Schwerpunkte der Arbeit waren:

  • Durchführung von 27 leitfadengestützten Interviews
  • Vergleichende Recherche zu nationalen und internationalen Gedenkorten
  • Begleitende Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit

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